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Im Knast der Taliban

Mit freundlicher Genehmigung des Autors werden von nun an regelmäßig die Einträge des „Afghanistan-Tagebuch“ vom Journalisten Dieter Herrmann hier veröffentlicht. Seine weiteren Beiträge können auf der Webseite eingesehen werden: http://www.australia-news.de/blog/#topOfPage

Mein Manuskript beginnt im Februar 1973, kurz bevor der König von Afghanistan gestürzt wird. In rund 60 Kapiteln schildere meine Erlebnisse in dem Land am Hindukusch von 1973 und dem Sturz des Königs, über die Zeit unter dem Taliban-Regime bis in die Zeit der westlichen Militäreinsätze und der versuchten Demokratisierung.  Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister.

Ich schildere meine persönlichen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land. Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert. Ob das letzte Kapitel jemals fertig werden wird, ist fraglich. Eigentlich sollte ich im Jahr 2019 wieder in Kabul unterrichten, doch die Sicherheitslage ist dermaßen schlecht, dass meine Auftraggeber mich voraussichtlich nicht ins Land holen werden. „Deutscher Medientrainer von Taliban ermordet“ wäre für alle Beteiligten eine katastrophale Schlagzeile …

Prolog: Kann man ein Land wie Afghanistan eigentlich lieben? Oder lieben lernen? Ein Land mit so viel Drama, Blut, Trauer und unzähligen politischen Fehlentscheidungen bei allen Beteiligten? Ich weiß nicht, ob man das kann. Ich kann es.

Oft fiel es mir schwer, diese Liebe zum Land und zu den Menschen zu gestehen. Vor allem mir selbst gegenüber. Immerhin haben afghanische Behörden unterschiedlicher Couleur es zweimal geschafft, mich unter fadenscheinigen Vorwänden ins Gefängnis zu werfen. Das zweite Mal sprichwörtlich bei Wasser und Brot.

Häufig denke ich an Freunde in Afghanistan, Wahab, der noch immer mein volles Vertrauen genießt, Moheb, der in Wirklichkeit anders heißt und der immer und ohne zu fragen eine große Hilfe war – vor allem in Kabul und in Fayzabad, Mustafa, den Dolmetscher, der durch meine Tätigkeit und meinen Leichtsinn zweimal ins Gefängnis kam, Tarik, der in der DDR studiert hat und seit vielen Jahren in seiner afghanischen Heimat leise und ergeben leidet und viele andere, von denen etliche es für zu riskant halten, hier genannt zu werden.

Der vorliegende Text ist so etwas wie ein Tagebuch – obwohl ich meine Eindrücke und Erlebnisse nicht immer schriftlich festgehalten habe. Um diese Berichte zu schreiben, habe ich tief in Aufzeichnungen und Erinnerungen gewühlt und immer wieder die Hilfe von Menschen in Anspruch genommen, mit denen ich in Afghanistan zusammen war oder denen ich „brühwarm“ berichtet habe.

Nichts habe ich erfunden, hinzugedichtet oder „verstärkt“. Vieles, sehr vieles aber habe ich weggelassen. Manchmal ist mir das Weglassen ausgesprochen schwergefallen, war aber zum Schutz von Freunden, Bekannten, Weggefährten und vor Feinden nicht zu umgehen. Fast alles in Afghanistan kann bedrohlich sein – vor allem für jene, die anderer Meinung oder zu ehrlich sind.

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