{"id":422,"date":"2020-06-24T17:51:21","date_gmt":"2020-06-24T15:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/?p=422"},"modified":"2020-06-24T17:51:27","modified_gmt":"2020-06-24T15:51:27","slug":"juni-1973-auf-dem-weg-ins-koenigreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/?p=422","title":{"rendered":"Juni 1973 \u2013 Auf dem Weg ins K\u00f6nigreich"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mit freundlicher Genehmigung des Autors folgt hiermit der zweite Beitrag des \u201cAfghanistan-Tagebuch\u201d vom Journalisten Dieter Herrmann. Seine weiteren Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen auf der Webseite eingesehen werden: http:\/\/www.australia-news.de\/blog\/#topOfPage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gut sechs Wochen sind wir jetzt unterwegs mit dem ollen blauen VW-Bus. Berlin, Linz, Klagenfurt, durch den h\u00f6llischen, von KZ-H\u00e4ftlingen und anderen Zwangsarbeitern erbauten Loibltunnel nach Ljubljana. Weiter \u00fcber Zagreb, Belgrad, Ni\u015f und Sofia nach Istanbul. Pause. Lange Pause. Nach gut einer Woche vom Bosporus weiter in die Ost-T\u00fcrkei, mit der Eisenbahnf\u00e4hre \u00fcber den Van-G\u00f6l\u00fc (Van-See) und endlich in den vom Schah und seiner Clique beherrschten Iran.<\/p>\n\n\n\n<p>Der VW-Bus ist jetzt f\u00fcnf Jahre alt. Bei einem gro\u00dfen Berliner Kaufhaus diente er als Personentransporter, wir haben ihn g\u00fcnstig bekommen. Etwas umgebaut hat er jetzt Sitzpl\u00e4tze f\u00fcr f\u00fcnf Leute und dahinter eine Liegefl\u00e4che von ungef\u00e4hr 200 x 160 cm. Unter der Spanplatte mit Matratze ist reichlich Stauraum. F\u00fcr die beiden Vordersitze haben wir Sicherheitsgurte eingebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind zu zweit. Meine Freundin Monika und ich. Unser Ziel ist Afghanistan oder Nepal oder vielleicht auch das nach blutigen K\u00e4mpfen gerade erst unabh\u00e4ngig gewordene Bangladesch. Ja, und dann sind wir pl\u00f6tzlich zu dritt. Michelle ist jetzt bei uns. Sie kommt aus dem Norden Londons und ist in unserem Alter. Und sie sieht toll aus!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele junge Durchreisende wohnen wir im Hotel Amir Kabir, mitten in Teheran. Seit ein oder zwei Jahren ist das Haus eine der wichtigsten Stationen auf dem \u201eHippie-Trail\u201c zwischen Mitteleuropa und den Sehnsuchtszielen in Afghanistan und rund um Indien. Je nach Zimmer kostet die \u00dcbernachtung zwischen zwei und vier Dollar und das Essen ist gro\u00dfartig! So unpersisch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise von Berlin und wieder dorthin zur\u00fcck soll ungef\u00e4hr sechs Monate dauern. Auf drei Wegen finanzieren wir das ganze Projekt \u2013 wobei wir denken, dass die gesamten Kosten h\u00f6chstens knapp f\u00fcnfstellig werden d\u00fcrfen. Rund 10.000 Mark, mehr soll es nicht werden. Den gr\u00f6\u00dften Teil des Geldes haben wir gespart und mit Extraschichten zusammengejobbt. Wichtige Industriebetriebe in Berlin haben wir angeschrieben und um Unterst\u00fctzung durch ihre Produkte gebeten. Alles, was wir kostenlos bekommen, m\u00fcssen wir nicht kaufen. So haben wir Berge von Puddingpulver, Trockennahrung, Nudeln und Schokoriegeln im Kofferraum. Dazu fast 40 Kilogramm Butterkekse und hochwertiges Motor\u00f6l f\u00fcr die gesamte Reise. Die dritte Geldquelle ist eine kleine Berliner Regionalzeitung, das \u201eSpandauer Volksblatt\u201c. Hagmut Brockmann, der Chef der Kulturredaktion, war von unserem Vorhaben so beeindruckt, dass er versprach, f\u00fcr uns in jeder Sonntagsausgabe eine ganze Seite zu reservieren. Brockmanns einzige Bedingung: \u201aWie ihr Text und Fotos in die Redaktion bekommt, ist euer Problem.\u2018 Bezahlt wurde regelm\u00e4\u00dfig auf mein Konto in Deutschland. Und so liegt auch noch eine alte Reiseschreibmaschine im Kofferraum. Das \u00dcbermitteln der Texte per Brief, Telex oder Telefondiktat hat bisher gut geklappt. Filme schicken wir per Post oder per Luftfracht unentwickelt nach Berlin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-423\" srcset=\"https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-1600x1200.jpg 1600w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee-640x480.jpg 640w, https:\/\/www.school-project-afghanistan.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/MeshhedMoschee.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Imam Raza Schrein in Mashhad<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Michelle aus dem Hotel \u201eAmir Kabir\u201c ist schon ein paar Tage hier und will weiter nach Kabul. Erst mal. Wir drei kommen auf Anhieb gut miteinander aus. Eilig hat es niemand von uns und ein Tagestrip zum Kaspischen Meer mit herrlich warmem Badewasser und dem menschenleeren Strand endet mit heftigem Geknutsche im sonnenwarmen Sand. Hei\u00df ist es und feucht und wild und Schwei\u00df auf der Haut zu f\u00fchlen ist herrlich, bis die Steine kommen, die pl\u00f6tzlich aus den D\u00fcnen heraus auf uns geworfen werden. Es bleibt nur die hektische Flucht und die schmerzhafte Erinnerung daran, dass wir, trotz aller weltlichen und westlichen Bekenntnisse des Schahs, hier in einem streng islamischen Land sind. Wie bescheuert bin ich denn?<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Tage bis Mashhad, ein weiterer Tag bis zur afghanischen Grenze. Michelle will fahren, gesteht aber, dass sie bisher nur auf der linken Stra\u00dfenseite gefahren ist. Geht ganz gut. Zwischen Mashhad und der Grenze ist kaum Verkehr und sie h\u00e4lt sich brav rechts. Eigentlich bin ich immer nerv\u00f6s, wenn ich in einem Auto sitze, das ich nicht selbst fahre. Jetzt gerade nicht. Ob es ihre Augen sind? Oh Mann, diese Frau macht Herzklopfen. In jeder Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter Nachmittag an der Grenzstation Islam Qala. Ausreise-Passkontrolle bei den Iranern, ein paar Hundert Meter zur Grenzstation der Afghanen. Danach sind es nur noch gut 100 Kilometer bis zur Stadt Herat, einem Hotelzimmer mit Dusche und einem eiskalten Getr\u00e4nk. Doch alle T\u00fcren an der Grenze sind verrammelt, kein Mensch in Uniform weit und breit. Keine afghanische Pass- und Zollkontrolle. Eine Stunde Zeitunterschied zwischen dem Iran und Afghanistan und das Land vor uns ist sozusagen geschlossen. Dutzende, vielleicht \u00fcber 100 Fahrzeuge warten auf ihre Abfertigung. F\u00fcr mich eine gute Gelegenheit, die Schreibmaschine auszupacken und wieder einen Bericht f\u00fcr die Zeitung in Berlin zu schreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit freundlicher Genehmigung des Autors folgt hiermit der zweite Beitrag des \u201cAfghanistan-Tagebuch\u201d vom Journalisten Dieter Herrmann. 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